In einem meiner Lieblingsbücher, „Adrenalin Junkies & Formular Zombies“ von der Antlantic Systems Guild rund um Tom DeMarco finde ich eine Passage, die sich mit einem der zentralen Anliegen von 360PM beschäftigt. Unter dem Titel „System Development Lemming Cycle“ steht (nachfolgend auszugsweise zitiert):

Von CMMI, SPICE, ISO 9000 oder anderen Prozessoptimierungsinitiativen getrieben, führen viele Firmen interne Standards für ihre Entwicklungspro­zesse ein. Naturgemäß schreiben diese Prozessmodelle Rollen vor, die von Mitgliedem des Entwicklungsteams besetzt werden müssen, sowie die durchzuführenden Aktivitäten und die zu erstellenden Ergebnisse. Die meist­en Prozessmodelle räumen ein, dass nicht alle Projekte gleich sind. …
Die Anpassung eines Prozesses und insbesondere die Ausdünnung der Ergebnisse erfordern Mut. Wenn Sie bestimmte Schritte auslassen oder es unterlassen, einige der geforderten Ergebnisse zu erstellen, setzen Sie sich der Gefahr aus, dafür kritisiert zu werden, falls das Projekt scheitern sollte. Kritiker werden dann schnell darauf hinweisen, dass das Projekt erfolgreich verlaufen wäre, wenn Sie sich stärker an die Prozesse gehalten und alle vorgeschlagenen Dokumente erstellt hätten. … Als Resultat begibt sich das Team auf sicheres Terrain, legt eine komplette Anforderungsspezifikation mit sämtlichen vorgeschlagenen Kapiteln und Absätzen vor, erstellt einen Qualitätsmanagementplan mit Abschnitten für jeden Meilenstein, gestaltet Arbeitsaufträge für jede Gruppe im Projektstrukturplan und so weiter – und das in vollem Umfang für den gesamten Prozess.

An einem Prozess festzuhalten, der nur ungenügend an die wirklichen Be­dürfnisse des Projekts angepasst ist, kann zwar bedeuten, dass man früher mit der Arbeit beginnen kann, früher abgeschlossen wird sie aber nicht. Ein Pro­jektleiter, der einen Prozess nicht an seine Bedürfnisse anpasst, ist wie ein Koch, der sich strikt nach altbewährten Rezepten richtet. Aus ihm wird nie­mals ein Sternekoch werden. Selbstverständlich fangen auch Sterneköche ir­gendwann einmal als Auszubildende an, lemen die grundlegenden Techniken der Lebensmittelzubereitung von ihren Meistern und kopieren deren Rezepte. Sie werden aber nur dann herausragen, wenn sie mehr als die Grundlagen ih­res Handwerks erlemen und aufhören, ausschließlich nach Rezeptbuch zu kochen.